Photovoltaik Ost-West: Ertrag, Eigenverbrauch und wann es sich lohnt

Eine Photovoltaikanlage nach Osten und Westen liefert über das Jahr weniger Strom als eine Anlage auf einem Süddach – die Verbraucherzentrale rechnet mit einer Ertragsminderung von etwa 10 bis 20 Prozent. Dafür verteilt sich die Erzeugung gleichmäßiger über den Tag, beide Dachhälften lassen sich belegen, und die 60-Prozent-Einspeisegrenze für neue Anlagen kostet kaum Ertrag. Ob sich Ost-West lohnt, hängt deshalb weniger von der Himmelsrichtung ab als davon, wie viel Leistung auf Ihr Dach passt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Ertrag: etwa 10 bis 20 % weniger als bei Südausrichtung; je flacher die Neigung, desto kleiner der Unterschied.
  • Tagesprofil: Strom schon morgens und noch abends, geringere Mittagsspitze.
  • Mehr Leistung: Auf Satteldächern lassen sich beide Dachhälften belegen, auf Flachdächern sind kleinere Reihenabstände möglich.
  • 60-Prozent-Grenze: Abregelungsverluste laut einer HTW-Simulation rund 1 % bei Ost-West gegenüber 9 % bei Süd (Volleinspeisung, ohne Speicher).
  • Mit Batterie: Bei gleicher Anlagengröße bringt Ost-West laut HTW keinen Autarkievorteil gegenüber Süd – der Vorteil entsteht über die größere Anlage.

Wie viel weniger Ertrag bringt Ost-West?

Optimal sind laut Verbraucherzentrale eine Südausrichtung und eine Dachneigung von etwa 30 Grad. Anlagen auf Ost- und Westdächern bringen weniger, sind aber oft trotzdem sinnvoll. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen nennt für Ost- und Westdächer eine Ertragsminderung von 10 bis 20 Prozent.

Genauer zeigt es eine Auswertung des Fraunhofer ISE („Aktuelle Fakten zur Photovoltaik“, Fassung August 2026), berechnet mit dem EU-Tool PVGIS für den Standort Freiburg ohne Verschattung. 100 Prozent entsprechen einer Südausrichtung mit 40 Grad Neigung:

NeigungOstWestSüd
10°83 %83 %91 %
20°82 %81 %96 %
30°81 %79 %99 %
40°78 %76 %100 %
50°74 %72 %99 %
Relatives Ertragspotenzial nach Fraunhofer ISE (Abbildung 33, Standort Freiburg, unverschattet). Eine waagerechte Fläche erreicht 84 %.

Daraus folgt: Bei 10 Grad Neigung – typisch für Ost-West-Aufständerungen auf Flachdächern – erreicht eine Ost- oder Westfläche gut 90 Prozent einer gleich geneigten Südfläche. Bei 30 Grad sind es rund 80 Prozent, bei steilen Dächern noch weniger. Das ISE nennt als Beispiel ein Westdach mit 45 Grad, das etwa 26 Prozent weniger liefert als ein Süddach mit gleicher Neigung. Die HTW Berlin kam in einer Studie für eine je zur Hälfte nach Osten und Westen belegte 35-Grad-Anlage auf rund 800 kWh pro kW und Jahr, knapp 160 kWh weniger als bei Südausrichtung. Für Ihren eigenen Standort können Sie den Ertrag mit PVGIS berechnen; wie das geht, erklärt der Ratgeber PV-Ertrag berechnen.

Der Vorteil: Strom morgens und abends

Eine Südanlage erzeugt den meisten Strom um die Mittagszeit, wenn viele Haushalte wenig verbrauchen. Ostmodule liefern früher, Westmodule länger in den Abend hinein. Werden beide Dachhälften belegt, ergibt sich nach der Stromspeicher-Inspektion 2021 der HTW Berlin ein „kontinuierlicherer Tagesverlauf der PV-Erzeugung“. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg weist darauf hin, dass Ost-West-Dächer so den Eigenverbrauchsanteil deutlich erhöhen können, während ein Süddach über das Jahr rund 20 Prozent mehr Ertrag bringt.

Wie groß der Eigenverbrauchsvorteil ohne Speicher genau ist, beziffern die Verbraucherzentralen nicht; er hängt stark davon ab, wann Sie Strom brauchen. Haushalte, die morgens und am frühen Abend viel verbrauchen, profitieren mehr als Haushalte mit hohem Verbrauch zur Mittagszeit.

Mit Batteriespeicher schrumpft der Unterschied

Ein Speicher verschiebt Mittagsstrom ohnehin in den Abend. Die HTW Berlin fand deshalb für Anlagen mit 10 und 20 kWp und Batteriespeicher bei gleicher Leistung keinen Autarkievorteil der Ost-West-Belegung gegenüber Süd. Ihr Fazit: Ermöglicht die Ost-West-Belegung eine größere PV-Anlage, ist sie der Süd-Belegung vorzuziehen. Mehr zu Größe und Preisen von Speichern finden Sie unter Stromspeicher Kosten.

Mehr Module auf derselben Fläche

Der wichtigste Vorteil ist oft die Fläche. Auf einem Satteldach mit Ost- und Westseite kann laut HTW meist deutlich mehr Leistung installiert werden, wenn beide Dachhälften belegt werden. Auf Flachdächern werden Ost-West-Systeme häufig mit flacher Neigung von etwa 10 Grad aufgeständert; dadurch sind nur geringe Reihenabstände nötig. Nach Süd aufgeständerte Module belegen laut Fraunhofer ISE dagegen wegen der Verschattungsabstände ein Mehrfaches ihrer eigenen Fläche. Bei einem Flachdach können Sie laut Verbraucherzentrale frei zwischen Süd und Ost-West wählen.

Rechenbeispiel: Süd, Ost-West und größere Ost-West-Anlage

Angenommene Werte: Satteldach mit 30 Grad Neigung. Südanlage 950 kWh pro kWp und Jahr; Ost-West-Anlage nach dem ISE-Verhältnis (im Mittel 80 % statt 99 %) rund 768 kWh pro kWp. In allen Varianten werden vereinfachend 2.000 kWh selbst verbraucht – ein möglicher Eigenverbrauchsvorteil von Ost-West ist also nicht eingerechnet. Strompreis 37 ct/kWh (BDEW, 2026), Einspeisevergütung bei Teileinspeisung 7,70 ct/kWh bis 10 kWp und 6,66 ct/kWh für den Anteil darüber (Bundesnetzagentur, Inbetriebnahme August bis Dezember 2026).

Süd 10 kWpOst-West 10 kWpOst-West 16 kWp
Jahresertrag9.500 kWhca. 7.680 kWhca. 12.290 kWh
Ersparnis Eigenverbrauch (2.000 kWh × 37 ct)740 €740 €740 €
Eingespeist7.500 kWhca. 5.680 kWhca. 10.290 kWh
Einspeisevergütungca. 578 €ca. 437 €ca. 752 €
Vorteil pro Jahrca. 1.318 €ca. 1.177 €ca. 1.492 €
Vereinfachte Beispielrechnung mit angenommenen Werten; Anschaffungs- und Betriebskosten, Abregelung und Preisänderungen nicht berücksichtigt. Bei 16 kWp gilt eine Mischvergütung von rund 7,31 ct/kWh. Stand: Oktober 2026.

Bei gleicher Leistung liegt die Südanlage vorn. Passt auf das Ost-West-Dach dagegen deutlich mehr Leistung, kann sie insgesamt mehr bringen – allerdings kostet die größere Anlage auch mehr. Pro kWp sind größere Anlagen laut Preisauswertungen der Verbraucherzentrale aber günstiger; Preisspannen und Amortisation finden Sie im Ratgeber Photovoltaik Kosten.

60-Prozent-Grenze und negative Strompreise

Seit dem Solarspitzengesetz dürfen neue Anlagen, die ab dem 25. Februar 2025 in Betrieb gehen, nach § 9 Abs. 2 EEG höchstens 60 Prozent ihrer installierten Leistung ins Netz einspeisen, bis ein intelligentes Messsystem mit Steuerungseinrichtung eingebaut und vom Netzbetreiber getestet ist. Begrenzt wird die Einspeisung am Netzanschluss, nicht die Erzeugung – selbst verbrauchter Strom zählt also nicht mit.

Weil eine Ost-West-Anlage selten in die Nähe ihrer Spitzenleistung kommt, trifft sie diese Grenze kaum. Die Verbraucherzentrale Hamburg zitiert eine Simulation der HTW Berlin, nach der die Abregelungsverluste bei Volleinspeisung ohne Speicher zwischen 1,1 Prozent (West-Ost) und 9,0 Prozent (Süd) liegen. Mit Eigenverbrauch fallen sie in beiden Fällen geringer aus.

Bei negativen Börsenstrompreisen entfällt für neue Anlagen die Vergütung (§ 51 EEG); die betroffenen Zeiten werden nach § 51a ans Ende des Vergütungszeitraums angehängt. Für Anlagen unter 100 kW gilt das allerdings erst ab dem Kalenderjahr, in dem ein intelligentes Messsystem eingebaut wird. Negative Preise treten vor allem mittags an sonnigen Tagen auf – Ost-West-Anlagen speisen dann weniger ein als Südanlagen. Alle aktuellen Sätze erklärt der Ratgeber Einspeisevergütung.

Wechselrichter und Planung

Weil Ost- und Westmodule nie gleichzeitig ihre Höchstleistung erreichen, kann der Wechselrichter kleiner ausfallen. Die HTW Berlin nennt für kombinierte Ost-West-Anlagen eine um 30 Prozent geringere Wechselrichterleistung ohne Energieverlust; die Verbraucherzentrale Niedersachsen rät, die Leistung bei solchen Anlagen besonders sorgfältig anzupassen. Wie die beiden Dachseiten elektrisch verschaltet werden – etwa über getrennte Eingänge des Wechselrichters –, sollte der Fachbetrieb in der Stringplanung festlegen und im Angebot ausweisen.

Checkliste: Wann lohnt sich Ost-West?

  • Ihr Dach hat keine nutzbare Südseite, aber eine Ost- und eine Westseite.
  • Durch die Belegung beider Dachhälften passt deutlich mehr Leistung aufs Dach.
  • Sie haben ein Flachdach und möchten die Fläche möglichst vollständig nutzen.
  • Ihr Verbrauch liegt vor allem morgens und abends, oder Sie planen Wärmepumpe oder E-Auto.
  • Sie verzichten vorerst auf ein intelligentes Messsystem und wollen die 60-Prozent-Grenze möglichst wenig spüren.
  • Prüfen Sie mit PVGIS oder einem Angebot den tatsächlichen Ertrag Ihres Dachs, inklusive Verschattung.

Häufige Fragen

Lohnt sich eine PV-Anlage nur auf der Ostseite oder nur auf der Westseite?

Oft ja, auch wenn der Ertrag niedriger ist. Bei flacher Neigung erreicht eine reine Ost- oder Westfläche laut ISE-Tabelle gut 80 Prozent des optimalen Südertrags. Ob es sich rechnet, hängt vom Preis und vom Eigenverbrauch ab.

Welche Neigung ist bei Ost-West am besten?

Eher flach. Laut Fraunhofer ISE sinkt der Ertrag von Ost- und Westflächen mit zunehmender Neigung, während Südflächen bis etwa 40 Grad profitieren.

Brauche ich bei Ost-West einen Batteriespeicher?

Nicht zwingend. Das breitere Tagesprofil erhöht den Direktverbrauch bereits etwas. Ein Speicher kann sich trotzdem lohnen, bringt bei Ost-West aber keinen größeren Vorteil als bei Süd.

Gilt für Ost-West-Anlagen eine andere Einspeisevergütung?

Nein. Die Vergütungssätze hängen von Inbetriebnahme, Anlagengröße und Einspeiseart ab, nicht von der Ausrichtung.

Quellen

Stand: Oktober 2026. Das Rechenbeispiel beruht auf angenommenen Werten. Maßgeblich sind die Ertragsprognose und das Angebot Ihres Fachbetriebs sowie die Vorgaben Ihres Netzbetreibers. Dieser Artikel ersetzt keine Energieberatung.